22.05. 2008 von Ulrike Exl
Schon von seiner äusseren Erscheinung ist die Baarburg ein ganz ungewöhnlicher Hügel. Nordöstlich von Baar gelegen sticht seine plateauartige Höhenkuppe schon von weitem ins Auge und löst Assoziationen wie keltisches Hügelgrab, Ritualplatz, Zufluchtsort aus. Die Baarburg erhebt sich geheimnisvoll und einsam am oberen Ende des Zugersees. Nur ganz vereinzelt finden wir Häuser am Fusse der Baarburg und er vermittelt den Eindruck als wolle er für sich bleiben. Es ist diese Unberührtheit, die eine magische Faszination auslöst und so nähert man sich dem dicht bewaldeten Hügel erwartungsvoll, scheu aber auch neugierig durch eine wunderschöne Wiese. Hier ist alles voll Licht und Farbe, voll Gesumme und Gezwitscher, ein wahres Paradies. Doch gleichzeitig wird man daran erinnert, dass diese Welt noch eine andere Seite hat, denn wir gehen entlang eines Kreuzweges mit 14 Stationen. Nach der 9. Station gabelt sich der Weg in drei Wege. Nach rechts geht es die restlichen 5 Stationen entlang zur Heiligkreuzkapelle, nach links auf einen Schiessstand zu und geradeaus durch den Wald zur Baarburg.
Die Heiligkreuzkapelle ist der Hl. Wilgefortis, der Hl. Agatha und der Hl. Apollonia geweiht, drei Frauen und Märtyrerinnen der frühen Christenheit während der Schiessstand als Begegnungsort der Männer angesehen werden kann. So ist hier eine Verunsicherung zu spüren, denn normalerweise ordnen wir der rechten Seite männliche Qualitäten, wie Strukturiertheit und Dynamik, der linken Seite weibliche Qualitäten wie Kreativität und Hineinspüren zu. Hier jedoch, ich nenne ihn Bereich der Verwirrungen, sind diese Energien vertauscht. Wollte man mit dem Vertauschen die Menschen verunsichern um sie vom weiteren Aufstieg auf die Baarburg abzuhalten?
Auch der Wechsel der Kreuzwegstationen von der rechten Seite (bis zur 9. Station) auf die linke Seite ist verwirrend. Bis zur 9. Station wo Christus das 3. Mal unter dem Kreuz zusammenbricht, können wir uns gefühlsmässig noch von seinem Leidensweg distanzieren. Unser Verstand kann sich ganz damit beschäftigt sich die Einzelheiten des Leidens Christi in Erinnerung zu rufen, aber bei den letzten 5 Stationen, die durch die rechtwinkelige Änderung der Wegführung und das Versetzen der Stationen auf die linke Wegseite noch hervorgehoben werden, können wir uns dem Gefühl des Mitleides, des Entsetzens und der Trauer nicht mehr entziehen. So erreichen wir nach einem Wechselbad der Gefühle die Heiligkreuzkapelle wo wir uns ausruhen können, uns geborgen und getröstet fühlen.
Hat uns der Spaziergang durch die Wiese gefühlsmässig bewegt und verunsichert, so überqueren wir mit dem Eintreten in den Wald eine Schwelle und tauchen in eine andere, geheimnisvolle Welt ein. Der Weg führt durch ein bewaldetes Tal entlang eines hell vor sich hin plätschernden Baches. Wir befinden uns in einer Märchenwelt, einer Art Unterwelt, wo wir uns ungesehen der Baarburg nähern können. Denn sie wünscht keine Besucher und so müssen wir den Hügel überlisten und uns ungesehen nähern, sonst werden wir zurückgeschickt. Über 45 steile Stufen steigen wir aus der Unterwelt auf eine neue Ebene und stellen uns einer neuen Herausforderung. Es ist die Ebene der Labyrinths. Die Strassen scheinen hier alle gleich breit zu sein. Man kann nicht erkennen welcher Weg der Hauptweg ist und welcher Weg wegführt. Bei jeder Abzweigung steht man ratlos da und muss sich neu entscheiden ohne zu wissen welcher Weg zum Ziel führt. Auch entsteht immer wieder das Gefühl am Berg vorbeizulaufen. Man bewegt sich auf die Leere zu, fühlt sich fehlgeleitet und kann nicht abschätzen wie weit es noch ist. Und dann ganz plötzlich hat man das Plateau erreicht. Hier ist wieder eine Schwelle und man betritt eine Art Oberwelt. Die Verwirrungen lösen sich auf, es scheint alles leicht und einfach zu sein. Klarheit zieht ein. Hier ist alles Heilig. Im ersten Augenblick fühlt man sich als Eindringling, aber ganz schnell wird man gewahr, dass man nach den bestanden Prüfungen hier willkommen ist und ein Teil dieser neuen Welt sein darf. Man verspürt eine geerdete Geistigkeit. Die Füsse sind fest verwurzelt mit der Erde, dem Berg, aber der restliche Körper schwebt frei im Raum, im offenen Austausch mit seiner Umgebung und dem Himmel, bereit zu empfangen und bereit zu geben. Man fühlt sich hier dem täglichen Leben entrückt und dem Himmel nahe und kann sich gut vorstellen, dass die Menschen in früheren Zeiten hierher gekommen sind um zu beten oder Zuflucht zu finden. Das Gefühl, dass hier ein Zeremonienplatz war, der zu besonderen Anlässen benutzt wurde, drängt sich auf. Hier befinden wir uns in einer anderen Welt, die nichts zu tun hat mit der Welt zu Füssen der Baarburg.
Die Baarburg besticht nicht nur durch ihre ungewöhnliche Gestalt, sondern auch durch den Weg auf dem wir verschiedene Prüfungen bestehen müssen um an unser Ziel zu kommen. So müssen wir uns am Kreuzweg (Bereich der Verwirrungen) mit unseren Verunsicherungen auseinandersetzen und entscheiden ob wir weitergehen wollen, uns in der Unterwelt eine Tarnkappe aufsetzen um nicht zurückgeschickt zu werden, auf der Ebene des Labyrinths unsere Orientierungslosigkeit bekämpfen um dann ans Ziel zu gelangen. Die Oberwelt belohnt uns dann mit einem Gefühl von Freiheit, Leichtigkeit und Glückseligkeit und lässt uns dankbar sein diesen wunderschönen Ort betreten zu dürfen. Was für ein grossartiges Erlebnis!
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